Ein Tag als … soufflierende Hospitantin

Wie es ist an einem Theater zu arbeiten? In „Ein Tag als …“ präsentieren euch Kolleg_innen aus den unterschiedlichsten Abteilungen einen mehr oder weniger typischen Arbeitstag. Heute: Praktikantin Julia Vogel, die gerade bei der Produktion „Asche“ als soufflierende Hospitantin im Einsatz ist.

„Das sieht super aus, wie du da hängst! Geht das noch ein bisschen diagonaler? Wie lange hältst du das aus?“ Was klingt wie die Anweisungen des Trainers eines Gymnastikteams, stammt hier von Regisseurin Kathrin Mayr und gilt Schauspieler Hartmut Jonas, der gerade bäuchlings und kopfüber auf einer schrägen Fläche liegt und sich mit den Füßen an die obere Kante klemmt. Tatsächlich hält er es beeindruckend lange in dieser Position aus, auch wenn ihm das Blut in den Kopf schießt und es vermutlich ziemlich auf die Sprunggelenke geht. Bei der schrägen Fläche handelt es sich um die Probebühne zu dem Solostück „Asche“, das im Januar Premiere feiert. Während der gesamten Aufführung wird Hartmut die Schräge nicht verlassen, sie ist wie eine einsame Insel, auf welcher der namenlose Protagonist sich bewegt, mal ruhig und leise, mal hektisch und laut.

Anfangs hatten wir noch Bedenken, ob es überhaupt möglich ist, sich das gesamte Stück über darauf zu bewegen, ohne dass es verkrampft aussieht, aber mittlerweile läuft Hartmut so leichtfüßig darauf, als wäre er professioneller Bergsteiger. Auch uns anderen zieht die Platte magisch an, ständig klettert in den Pausen jemand von uns darauf – was, je nach Grip der Schuhsohlen, dem einen besser und dem anderen schlechter gelingt – und rutscht sitzend wieder hinunter. Und freut sich, dass man darauf nicht selbst spielen muss. Einmal pro Woche kommt Ballett-Choreograph Gaëtan bei den Proben vorbei und macht mit uns (Ja, mit uns allen.) Aufwärmtraining und Gleichgewichtsübungen, sieht sich verschiedene Szenen an und gibt Tipps, wie Hartmut sich dabei noch authentischer fallen lassen oder sicherer auf der Kante balancieren kann.

Auch ohne Gaëtan schieben wir mittlerweile jeden Morgen eine kleine Fitness-Session vor der ersten Probe ein, bei der Kathrin ihre Yoga-Skills auspackt und uns alle dazu kriegt, die Sonne zu grüßen. Anschließend gehe ich mit Hartmut die neu gelernten Textteile durch und bin dabei so streng, wie ich es mir bei Regieassistent Moritz abgeguckt habe. (Der hat es geschafft, so lange in herrlich nüchternem Tonfall auf dem Satz „Wegen 4 Kilo scheiß Ravioli in Tomatensauce wird man jetzt nicht streiten.“ zu beharren, bis Hartmut fast sein Skript zerfetzt hätte.) Danach spielen wir einzelne Szenen durch, machen komplette Durchläufe oder sprechen über den Text. Manchmal springen wir Tage später zu einer früheren Szene zurück und entscheiden uns doch dafür, dass Hartmut seine Kapuze erst zwei Sätze nach dem geplanten Stichwort absetzen, dass er doch nach links statt nach rechts laufen, dass er an einer Stelle flüstern und nicht schreien soll. Und ich kritzele fleißig und nahezu unleserlich die Regieanweisungen mit. Wie viel solche Details auf einer kleinen Bühne wie dem Grabbe-Haus doch ausmachen, wo das Publikum so nah am Geschehen sitzt.

Ich finde es unheimlich spannend, an dieser Produktion beteiligt zu sein, von Beginn an die Entwicklung mitzuverfolgen und zu merken, wie wichtig es auch für den Darsteller ist, mit jedem einzelnen Satz, mit jedem Wort, etwas anfangen zu können, um ihn auf der Bühne richtig rüberzubringen. Manchmal diskutieren wir stundenlang über eine kurze Textpassage und versuchen, uns aus verschiedenen Richtungen an den Charakter anzunähern. Wir haben nicht mehr Material über ihn als dieses zwanzigseitige Skript und alles, was wir über ihn wissen, müssen wir uns daraus selbst erarbeiten. Und das ist bei einem solch komplexen und elliptischen Text, der eine postapokalyptische Welt beschreibt, selten eindeutig herauszulesen. Mittlerweile kenne ich das Skript so gut, dass mir im Alltag ständig irgendwelche Sätze aus „Asche“ herausrutschen, wenn mir jemand eine Vorlage dafür liefert. (Mein Freund neulich: „Was hat denn hier gerade ‚Klick‘ gemacht?“ Ich: „Klick macht der Hahn. Klick? Hahn? Macht eigentlich…“ Freund: „HÖR AUF ZU SPOILERN!“) Zum Glück meines Freundes haben wir zurzeit keine Ravioli im Haus.

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