Ausgefragt: Was ist ein Schauspielballett?

Am 18. Februar gibt die Schauspielerin Natasche Mamier mit Heiner Müllers „Quartett“ ihr Regiedebüt im Jungen Theater KASCHLUPP!. Das Besondere dabei: Es handelt sich um ein Schauspielballett. Andreea Geletu, Referentin für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, hat Natascha Mamier über ihre erste Regiearbeit ausgefragt.

AG: Warum hast du gerade „Quartett“ von Heiner Müller gewählt?

NM: Das Stück hat mich sofort in den Bann gezogen: Diese große unerfüllte Liebe der beiden Figuren, die so viel Sprache brauchen, um miteinander ihre kaputte Liebe zu verhandeln. Dann hat es sich ergeben, dass ich auch während der Studienzeit schon viel Kontakt zu Tänzern vom Leipziger Ballett hatte. Da hatte ich das erste Mal den Gedanken, diese ganzen unausgesprochenen Gefühle, die ständig von Sprache bedeckt werden, in den Körper zu bringen und darzustellen. Es gibt nichts Sinnlicheres als Tanz und wie Tänzer Gefühle darstellen können. Es ist so einnehmend.

AG: Das Stück basiert auf dem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, der oft schon verfilmt wurde. In „Quartett“ von Heiner Müller werden die vier Hauptfiguren von nur zwei Personen gespielt. Wie würdest die Beziehung von Valmont und der Marquise de Merteuil beschreiben?

NM: Das war mal eine ganz große, sehr intensive Beziehung und Liebe. Die beiden machtversessenen Liebhaber sind nicht in der Lage, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen, wollen nicht nachgeben, nicht der Schwächere sein. Jede Verletzung wird sofort aufgenommen und gegen den anderen verwendet. Ich glaube, sie haben sich oft betrogen und so getan, als wäre das alles nicht so schlimm. Diese Verletzungen haben sich immer weiter aufgebaut. Sie können nicht ohneeinander, nicht miteinander, sich nicht loslassen und erkennen schlussendlich, dass sie keine andere Wahl haben, als sich bis in den Tod innig liebend zu bekämpfen.

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Gaëtan Chailly und Stephanie Pardula

AG: Die Geschlechteridentitäten stehen in einem ständigen Machtkampf, werden aber gleichzeitig in Frage gestellt. Auf welche Art und Weise geschieht das?

NM: Der Mann Valmont wird später eine Frau, Madame de Tourvel, spielen und Marquise de Merteuil, die Frau in dem Stück, wird Valmont spielen. Sie wechseln die Geschlechter, um dem anderen zu zeigen, dass sie die Waffen des anderen Geschlechts verstehen und nutzen können. Sie sind einander ebenbürtig.

AG: Was verstehst du unter der Bezeichnung Schauspielballett?

NM: Der Mensch schafft es immer, seine Gefühle zu überspielen, um den eigenen Stolz nicht zu verlieren. Das machen wir unser ganzes Leben lang, unsere Gefühle verdecken, unseren Körper kontrollieren: Wie muss man sich benehmen, wie muss man sich bewegen, wie stellt man sich richtig dar? Das passiert auch ganz viel über Sprache. Jetzt kommt der Körper ins Spiel und zeigt all das, was darunter liegt. Die beiden Darsteller tanzen und kämpfen gegeneinander, nicht nur mit Worten, sondern es wird dargestellt, was hinter diesen großen Worten steht: Die Sinnlichkeit, die Liebe, die Sehnsucht.

AG: Wie ist dabei die Zusammenarbeit mit den Darstellern, die aus zwei völlig verschiedenen Sparten kommen?

NM: Stephanie Pardula und Gaёtan Chailly sind einfach tolle Kollegen, die höchst professionell auf ihrem Gebiet sind. Wenn wir über das Projekt reden, kommen sofort spannende Assoziationen. Es ist so interessant, wenn eine Idee, die bisher nur in meinem Kopf war, plötzlich erlebbar wird. Es ist toll, sowohl im Tanz als auch im Schauspiel nach Motiven, wie Liebe oder Macht zu suchen und diese dann mithilfe der zwei verschiedenen Kunstformen auszudrücken. Das ist ähnlich wie in „Quartett“: Die beiden beschränken sich nicht auf ihre ur-eigene Profession, sondern: Die Spielerin tanzt und der Tänzer spielt auch. Wie Valmont und Meurteil, die sich ja auch nicht auf ihr eigenes Geschlecht beschränken.

AG: Wie passt der Raum des KASCHLUPP! zu diesem Stück?

NM: Es ist ein ganz toller Theaterraum, der keine Geschichte erzählt. Er kann mit Phantasie und mit allen Geschichten, die es gibt, gefüllt werden. Bei Müller steht, der Spielort sei vor dem Beginn der französischen Revolution, Schrägstrich, nach dem Dritten Weltkrieg. Nun muss man also einen Ort finden, der dieser Phantasie Raum bietet – und dafür ist das KASCHLUPP! wunderbar geeignet.

AG: Welche Möglichkeiten eröffnet die Veranstaltungsreihe „Chapeau!“ des Landestheaters?

NM: Es ist ein Format, in dem alle Sparten des Hauses Raum bekommen, ihrer eigenen Kreativität und Phantasie nachzugehen. In meinem Fall, ermöglicht es mir mein Regiedebüt und eine künstlerisch interessante Zusammenarbeit.

AG:  Vielen Dank für das Gespräch!

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