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Polaroid-(A)Symmetrie in Hameln

Über meinen heutigen Arbeitsplatz kann ich mich wirklich nicht beklagen. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass ich mich selten an einem so märchenhaften Ort aufhalten durfte. Ich stehe im durch große Fenster strömenden Sonnenschein auf einem tiefblauen Teppichboden, aus dem riesige Blumen wachsen. Neben mir erhebt sich ein orientalischer Palast, gegenüber ein Tannenwald, ein von sanften Nebelschleiern überzogener See, neben dem zwei prachtvoll geschmückte Reitpferde schreiten. Ein goldener Thron steht vor einem drei Meter hohen blutroten Fächer und vor den Fenstern fliegen bunte Vögel von der Größe von Möwen. Alles aus Holz, Stoff und Pappmaché, versteht sich. Es sind Bühnenbilder des Landestheaters, die heute als Dekoration und Kulisse dienen. Ricarda, meine Vorgängerin im FSJ und heute meine Anleiterin, und ich haben die Aufgabe, kostümierte Besucher des Theaterfests Hameln zu photographieren.
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Passend zur Umgebung sind wir in funkelnde Rokokokleider gewandet. Wenn man darin eine Treppe hinabschreitet, fühlt man sich wie eine Märchenprinzessin. Hoch weniger. Spätestens wenn man mit beiden Füßen auf dem Kleid steht, wird man mit einem Dilemma konfrontiert: Macht man einen weiteren Schritt nach oben, stürzt man, nach unten ebenso. Man könnte es mit einem beherzten Sprung in die Luft versuchen, in der vagen Hoffnung, dass das Kleid weg ist, wenn man landet, wäre da nicht das schlechte Gewissen wegen des empfindlichen Kostüms. Aber zurück zu den Photos: Zwei Ankleiderinnen sind mit voll behängten Stangen zur Stelle. Es gibt Kostüme aller Größen, für Kinder und Erwachsene. Für jeden Besucher wird etwas Passendes gefunden und „was nicht passt, wird passend gemacht“, so das Motto der beiden. Königinnen in roten-goldenen Gewändern, pastellumhüllte Prinzessinnen, ehrwürdige Zauberer, Römer, Clowns, Wikinger und Zirkusdirektoren nehmen auf der samtenen Sitzfläche des Throns Platz, um von uns mit der Polaroidkamera für die Ewigkeit festgehalten zu werden. Jedenfalls, wenn der Kopf nicht abgeschnitten ist.

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Das ist gar nicht so einfach. Ich habe noch nie einen Photoapparat mit Film benutzt, geschweige denn eine Sofortbildkamera. Ehrfürchtig halte ich dieses Fossil in den Händen und frage mich, wie man es anschaltet. Nachdem diese Hürde genommen ist, versuche ich, einen Film einzulegen. Das funktioniert leider nicht, weil schon einer in der Kamera steckt.

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet mir die Tatsache, dass das Sichtfenster seitlich über der Linse ist. Das fertige Bild ist also immer etwas anders als das, was man gesehen hat, als man auf den Auslöser drückte. Nach einigen gescheiterten Versuchen, die Verschiebung miteinzukalkulieren, gebe ich die Hoffnung auf symmetrische Herrscherportaits auf.

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