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Die ersten Tage als FSJlerin

Wie es ist an einem Theater zu arbeiten? In „Ein Tag als …“ präsentieren euch Kolleg_innen aus den unterschiedlichsten Abteilungen einen mehr oder weniger typischen Arbeitstag. Heute: Anne Risse, neue FSJlerin in der Dramaturgie/Öffentlichkeitsarbeit.

Tag 1
Man hatte mich gewarnt. Man hatte mich ausdrücklich vor den „verrückten Theaterleuten“ gewarnt. Auf dem Weg zum Eingang geht mir das durch den Kopf. Etwas spät vielleicht, wenn man bedenkt, dass ich heute hier bin, um meine FSJ-Stelle anzutreten. Ich habe die Gedanken an das, was mich an diesem Ort erwartet, bisher verdrängt. Nun geht es los: Absprung ins kalte Wasser. Zu meiner Erleichterung beginnt es ganz klassisch mit einer Führung. Gänge, viele Gänge, graue Gänge, weiße Gänge, graue Türen, rote Türen, plötzlich stehen wir in der Maske, dann in der Finanzbuchhaltung.  Und natürlich Menschen, ganz viele Menschen. Sie ziehen als unendlicher Schwall an mir vorbei.

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Hallo sagen (mein introvertiertes Selbst wimmert innerlich), Hände schütteln und verängstigt lächeln. Das wird mein neuer Standartgesichtsausdruck.
sherlock-nervoeses-laecheln Und diese Menschen haben Namen. Ich lächle weiter und bete, dass sie sich meinen auch nicht merken können. Meine stoffelige Schüchternheit wird von meinen neuen Kollegen wohlwollend überbrückt.

Der erste Auftrag: Bei der Büromaterialausgabe um eine Schere bitten. Kein guter Anfang.

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Auf dem Weg überlege ich, ob ich, wenn ich die Wahl hätte, lieber meine Abiturprüfungen noch einmal schreiben oder diese Schere holen würde. Vielleicht nicht alle Prüfungen. Mathe. Analytische Geometrie und Schere holen hält sich ungefähr die Waage. Aber die Zuständige hat Mitleid und gibt mir die Schere.

Mein erster Triumph!

Zwischendurch spähe ich nach diesen verrückten Künstlern. Ich find keine. Vielleicht steckt’ s im Detail.

Tag 2
Ich bin unglaublich stolz, mein Büro beim ersten Versuch gefunden zu haben. Allerdings steht auch mein Name dran. Es ist ein Büro. Ich habe tatsächlich einen eigenen Schreibtisch mit Computer und Telefon. Das ist alles so erwachsen. Ein leichtes Gruseln überkommt mich. Natürlich war mir klar, dass ich am Computer arbeiten werde, aber die plötzliche Realität von weißen Wänden, Kopierern und Kaffee trifft mich trotzdem hart. Das Büro, dachte ich, ist etwas, dem man im Studium entgegenläuft, ein Ziel in weiter Ferne, nicht etwas, was zwei Monate nach dem Abitur plötzlich vor einem steht.

Und ganz neue Fragen stellen sich mir und ich gebe sie weiter: „Welche Anrede ist richtig: sehr geehrter Her…., lieber Herr…,lieber…, sehr geehrter lieber Herr…?“, „Wie meldet man sich am Telefon?“ Ich fürchte nämlich Telefonate. Und E-Mails. Und Kommunikation überhaupt. Aber auf poetisch-kitschigen Internetspruchbildchen heißt es doch immer, man solle sich seinen Ängsten stellen. Also Augen zu und durch. Auf jeden Fall bewundere ich meine Kollegen jetzt schon für ihre Geduld.

Tag 3
Ich bin endlich fertig damit, die Zeitungen des Sommers nach Artikeln über das Theater zu durchforsten. Gar keine schlechte Aufgabe für den Anfang, so erfahre ich gleich alles über meine neue Heimat. Ich weiß jetzt, dass das Adjektiv zu „Lage“ „lagens“ ist, nicht „lagen“. Ein lagenser Mann, eine lagense Frau, ein lagenses Kind. Und dass die Rehe im Park Nachwuchs haben. Und dass Sondermüll selten falsch entsorgt wird. Klingt nett. Ich fühle mich gleich heimisch.

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Tag 4
Ich darf bei einer Führung dabei sein. (Eigentlich war das Tag zwei, aber ich muss es ja irgendwie gleichmäßig verteilen.) Eigentlich soll die Führung für Grundschulkinder sein und ich soll der Dramaturgieassistentin nur zuschauen, um später selber Führungen machen zu können, aber ich bin genau so fasziniert wie die eigentlichen Adressaten. Wir dürfen auf die Bühne. Scheinwerfer, Bühnenbild, schwarz gestrichene Wände mit komplizierten Apparaturen – Gänsehaut!

Ich habe langsam wieder mehr Muße, die Theaterleute zu beobachten. Verrückt wirken sie noch nicht. Dafür nett und locker. Insgeheim versetzt mich das in Panik. „Locker“ ist wirklich nicht meine Stärke. Dafür entwickle ich viel Fantasie darin, Anreden zu vermeiden. Denn: Alle duzen sich, aber gilt das auch für mich? Oder erst siezen? Und Vornamen? Oder Nachnamen? Und wie spreche ich vor Dritten über diese Menschen? Solche Überlegungen nehmen ein Drittel meiner Gedanken in Beschlag. Etwa so:

Andere freundliche Person: Schönen Tag noch!

Ich: Dir…äh, Ihn-nein…e-ebenso?!

Und ich sollte mir vielleicht abgewöhnen, auf jeden Auftrag mit einem verschreckten Gesicht zu reagieren.

Tag 5
Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viel Praktisches in Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit versteckt. Ich bin in dieser Woche mehr draußen als im ganzen Sommer und bin zum ersten Mal seit zwei Jahren braun geworden. Flyer und Plakate verteilen, Vorbereitungen für eine Matinee in der Erlöserkirche treffen…gerade scheppere ich mit einem beunruhigend klirrenden Bollerwagen voll Sektgläser durch den Schlosspark.

Aber dann gibt es immer diese kryptischen Andeutungen großen Unheils, das sich am Horizont wie ein Sturm zusammenbraut.

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Die erste Woche war wohl noch eine Schonfrist, objektiv betrachtet kann ich das durchaus bestätigen. Aber es ist ja auch erst der Anfang der Spielzeit.

abenteuer

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