Paul ist nicht depressiv

Paul Steckbrief quer mit HintergrundHier ist Paul. Ich kenne den Beton. Ich weiß, wie er sich anfühlt, wenn er beginnt sich zu erwärmen. Ich kenne die dicken Teerkanten. Ihre Weichheit. Den Drang etwas hineinzudrücken. Sie sind selten heutzutage. (Ich werde eine Reise nach Polen unternehmen. Ich habe gehört dort gibt es sie noch.) Ich drücke meine Pfote in die weiche Wulst. Ich weiß, dass ich damit ewig geworden sein werde. Das könnte das Glück sein.

Neulich plagte mich nun eine leichte Verstimmung (Ich habe sie eigentlich als schwer empfunden, aber die Worte geben den Dingen ihre Form und deshalb spreche ich sicherheitshalber lieber von einer leichten.) und so beschloss ich mich auf die Suche nach einer solchen Teerkante zu begeben. Einer möglichst dicken, verschlissenen Teer-Wulst mit vielen Steinchen, undefinierbaren Plastikstücken und Kinderhänden darin. Mein Schritt war lahm, da meine Laune und mein zu langsam klopfendes Herz mich sehr bedrückten. Ich habe darüber gelesen. Über diesen Zustand, den ich keinesfalls Depression nennen möchte. Der Ratgeber rät mir, an die frische Luft zu gehen und solange ich meine Hygiene nicht vernachlässige, bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen. Zudem ist dies zuallererst ein Ort, an dem man nicht von Depressionen geplagt werden sollte. Beschloss ich.

IMG_1601

Ich lief und lief. Ich fand: Schotter, Betonplatten, Steine (einzeln, gestreut), Marmor, Teerstraßen (ohne Wulst), Kies, Sand, Gras (als Fläche, in Ritzen), Blumeninseln. Ich passierte einen großen Schornstein, es roch nach Zucker und dort an einer eher unwirtlichen Stelle, am Rande einer Verkehrsinsel, welche die Ferne nach ostnordwest verspricht, standen sie: sieben Demonstranten. Zwei saßen, fünf standen, davon rauchte einer und die anderen vier unterhielten sich. Sie hielten zwei Schilder: „ KunstRASEN- doppelt hält besser“; „Keine Arbeit dem Rasen- Kunststoff MACHT freiZEIT“. Ich fühlte mich wirr.

Da ich sehr klein bin, konnte ich mich der Situation unbemerkt nähern. Ich sah einen Stapel Flyer, einige Buttons bedruckt mit grünen stachligen Fußbällen und winzige Packungen mit grünen Gummibärchen. Daneben ein etwa 50 mal 50 cm großes Stück Kunstrasen mit einem Schild „zum Probieren“ davor. Vorsichtig leckte ich daran. Nichts. Das war ein Irrtum. Einer von den guten. Jetzt kitzelten Zunge und Ohr. Ich bezwang mich. Niemand schien mich gesehen zu haben. Ich stupste die Matte an. Nichts. Sie lag wohlig auf dem echten Rasen. Ich sah nach den Sitzenden, die blicklos Richtung Schornstein schauten. Langsam, ganz langsam setzte ich meine Pfoten auf die Matte: Sie kiekste angenehm. Ein Schauer durchfuhr meinen Bauch. Ich wippte mit den Beinchen und musste kichern. Erstmals seit vielen Tagen. Das war nun wirklich etwas ganz Neues! Meine Gedanken, nein, mein Fühlen geriet außer sich, ich sprang, ich jauchzte, ich kratzte und zu guter Letzt ließ ich meinen Rücken über die Matte gleiten. Kann es dafür Worte geben?

Ich kann nur sagen, ich blieb. Und am Ende unterschrieb ich eine Petition, gewann sieben neue Freunde und engagiere mich seitdem für einen 187mal so großen Kunstrasenplatz in Lage.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.