Ein Tag als … Dramaturgie-Hospitant

Wie es ist an einem Theater zu arbeiten? In „Ein Tag als …“ präsentieren euch Kolleg_innen aus den unterschiedlichsten Abteilungen einen mehr oder weniger typischen Arbeitstag. Heute: Christian Stolz, Hospitant bei „Der Heiler“.

Bühneneingang. Vorfreude und spannende Verheißung am Morgen, jeden Tag aufs Neue. Der Blick wandert gewohnheitsmäßig zu den riesigen Säulen an der Front des Landestheaters, wo sich das Plakat für Dantons Tod  hoch oben im Wind bewegt, dann gehe ich an vielen Seitentüren entlang, und schließlich, an der Hinterseite: Bühneneingang. Schauspieler üben ihren Text, ohne Bühnenbild, ohne Vorstellungslicht, im Proberaum spielt sich das Orchester warm, in Büros werden die Texte für ein neues Programmheft zusammengestellt, der Werbetext für den neuen Leporello geschrieben – hinter dieser Tür wartet das Theatertreiben bei Tageslicht. Und das ist aufregend, denn alles ist im Werden. Die Bühne, noch im Arbeitslicht. Abgebaute Kulissen. Die Aufführungen am Abend scheinen noch in weiter Ferne. Jetzt entsteht erst einmal Theater, jeder tippt, hämmert oder grübelt daran und ich kann dabei zuschauen. Muss heute noch ein Text für das Spielzeitheft geschrieben werden? Oder gibt es etwas für die Abstecherfahrten (siehe: Blog-Kategorie „Aus der weiten Welt“) zu recherchieren? Wie geht es mit den Proben voran? Theaterzauber, Theateralltag, erst einmal die Türklinke drücken – Bühneneingang.

Davor stehen schon viele Fahrräder. Ah, ein Schauspieler kommt an – er spielt doch bei Ben Hur mit, oder? So viele neue Gesichter, und zu dieser Uhrzeit noch alle ohne Theaterschminke. 9.50 Uhr. Der Tag beginnt mit der Vormittagsprobe. Ich habe gerade erst „Guten Morgen“ gesagt, da reicht mir der Pförtner schon ein Schlüsselbund entgegen – der Satz „Einmal den Schlüssel für das Grabbe-Haus, bitte“, ist nach einigen Wochen überflüssig geworden. So mache ich mich mit Rucksack und einer Tüte Milch im Stoffbeutel auf dem Weg zur Probe.

Eine Tüte Milch? Kaffee für das Produktionsteam zu kochen ist der Startschuss. Bei Der Heiler ist es eine kleine Runde: Joachim Ruczynski spielt diesen Monolog, Jessica Sonia Cremer führt Regie und die Regieassistentin Ricarda Pompe betreut die Produktion. Während Kaffeeduft sich also aus dem Gewölbe im Keller des Grabbe-Hauses breit macht, beginnt oben das Vorbereiten der Bühne: Aktion Herbstlaub. Nicht gerade zögerlich greifen Ricarda und ich in die gefüllten Transportsäcke hinein, denn rotbraune Blätter sollen den ganzen Boden bedecken. Wir lassen sie durch den Raum fliegen, verteilen sie wild, mischen sie durch. Jetzt noch die einst schmuckvollen kleinen weißen Tische und Stühle hinstellen, umkippen und stapeln: Fertig ist die verfallen-ungeordnete Café-Szenerie, ein Teil des Bühnenbilds. Obwohl, stopp. Ein Blick in das Textbuch mit den Probenmitschriften verrät: Die Stühle links stehen erst nach dem Prolog so. Genauigkeit ist wichtig, auch für die Proben. Eifrig nachkorrigieren, während von draußen ein lauter werdendes Klopfen zu hören ist: Die Außentür ist im Blätterrausch unbemerkt zugefallen. Regisseurin und Schauspieler betreten den Saal trotzdem überpünktlich. Schnell noch den Kaffee holen. Leider ist der direkte Weg hinter die Bühne durch die Kulissenwand versperrt; entweder rolle ich mich im schmalen Spalt unten durch, was bei mir nach nicht gymnastischen Gymnastikversuchen aussieht, mit Kaffeekanne nicht gerade geschickt ist und für berechtigte Lacher sorgt, oder es bleibt der Weg über die Flure…über die Flure zu gehen ist weniger lustig, aber auch weniger peinlich. Unterdessen wirft der Schauspieler dieses Abends noch einen Blick in das Textbuch.

Bei der Probe heißt es für mich mitlesen, beobachten, nachvollziehen und mitnotieren. Vor allem bin ich heute auf „Zitate-Jagd“. Für die Theaterzeitung schreibe ich einen Essay über den Heiler; als über die Brüchigkeit der Figuren gesprochen wird, lasse ich den Bleistift über den Notizblock sausen, denn die Sicht der Akteure soll in dem Artikel zu Wort kommen. Nach der Probe gibt es bei Joachim Ruczynski noch Gelegenheit für ein paar Nachfragen: „Meinst Du, dass die Figur Sophie tatsächlich ‚geisteskrank‘ ist?“ „Um Sophie zu therapieren, müsste man die Welt therapieren“, antwortet er – was für ein Satz, der kann direkt in den Essay wandern. Vorher aber warten die blauen Säcke noch auf das Herbstlaub…

Bilder Blog Ein Tag als (20)

Das wichtigste auf einem Blick

13 Uhr. Es geht zurück zum Bühneneingang des Landestheaters. Oben im Flur, vor den Büros der Dramaturgie, steht die Abteilung schon versammelt, gerade die Windjacken überwerfend. „Kommt Ihr auch mit essen?“ – Aber auf jeden Fall. Draußen blendet jetzt sogar die Sonne, trotz Frühjahr hat es noch vor ein paar Minuten geschneit. Die Internetdramaturgin, selbstironisch: natürliches Licht, so im Freien, also wirklich von der Sonne, das kenne man doch als Dramaturgin gar nicht, erst recht nicht als Social Media-Fachfrau. Dazu Posen wie ein Vampir. Gut gelaunt geht’s zur Pasta.

Wieder zurück im Theater sitze ich vor dem Laptop, der Cursor blinkt in einem leeren Dokument. Das Stück Der Heiler beschreiben, ein ausführlicher Artikel für die Theaterzeitung soll es werden. Ein Monolog über Psychotherapie, das Leben…wo fängt man da an? Blink. Vielleicht: ‚Ist irre normal?‘ Nein, löschen. Blink. Blink. Oder: ‚Ein Psychologe verzweifelt an der Welt‘? Nein, auch nicht. Blink, blink. ‚Die Welt klar sehen.‘ – besser, den Satz könnte man weiterspinnen. Nach den ersten Sätzen löst sich der Knoten. Das Themenfeld des Stücks macht sich breit auf, dort lässt sich gut etwas andeuten, hier ein Zitat von der Probe einweben. Der Text wächst.

Später am Nachmittag kurzes Switchen. Ein Werbetext für Die Leiden des jungen Werther wird gebraucht. Werther liebt Lotte, klar. Aber wer und was war es genau, das beide auseinander brachte? Albert oder sie selbst? Und wie ‚klang‘ Goethes Werk doch gleich? Eine gute Gelegenheit, sich das Original wieder vorzunehmen. „Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten gesehen und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel stärker zu werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte“, heißt es da – so viel Sprachgewalt wirbt fast für sich selbst.

17 Uhr. Eigentlich würde gleich die Abendprobe beginnen, heute ist aber lernfrei. Gelegenheit, an anderer Stelle mitzuhelfen: Das neue Spielzeitheft muss Korrektur gelesen werden. Ganz langsam, Buchstabe für Buchstabe, auch die großen Überschriften, denn manchmal steckt der Fehler gerade nicht im Detail. Dabei Schritt für Schritt zu erleben, wie das Buch sich seiner finalen Form nähert und was alles dazu gehört, ist ein Erfahrungsschatz über präzise dramaturgische Entwicklungsarbeit am Theater. Zur kleinen schönen Herausforderung wird das Überarbeiten und Kürzen von Texten – was, wenn erst einmal alles wichtig klingt? Dann aber: Konzentrieren auf das wesentliche Spannende und den Rotstift (zaghaft) ansetzen…

Am Abend, als die Schlüssel in den Schlössern der Bürotüren nach und nach klappern, schallen aus dem Lautsprecher im Flur die Bühnenansagen der Inspizientin. Tom Sawyer und Huckleberry Finn wird gerade gespielt. „Die Kollegen der Technik bitte zum Fass“, sagt eine Stimme ein paar Minuten nach Vorstellungsbeginn durch. Überraschte Blicke und Geschmunzel – keine Frage, das wird ein „Satz mit X“ für „Tussis Blog“. Draußen die letzten Sonnenstrahlen. Bei im Hintergrund leise hörbarem Gesang von Tom Sawyer gehen wir raus aus dem Theater. Der Theatertag beginnt und endet bei den Fahrrädern davor. Morgen wieder: Bühneneingang.

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